Beziehung zur Zeit – allgegenwärtig, unvermeidbar und oft knapp

Beziehung zur Zeit – sie ist allgegenwärtig, unvermeidbar und oft knapp. Was würdest du tun, wenn du plötzlich doppelt so viel Zeit hättest? Diese Frage ist nicht nur faszinierend, sondern auch verstörend – denn oft füllen wir gewonnene Zeit sofort mit neuen Aufgaben. Doch was bedeutet Zeit wirklich für uns? Wir sprechen davon, Zeit zu sparen, zu verlieren oder zu nutzen. Und wie können wir sie bewusst gestalten, statt uns von ihr hetzen zu lassen?

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Zeit als Beziehung

Unsere Beziehung zur Zeit ist wie jede andere Beziehung – sie braucht Pflege, Aufmerksamkeit und Balance. Die Frage ist nicht, wie viel Zeit wir haben, sondern wie wir sie erleben. Oft ist unser Kalender voll, aber unser Herz leer. Die Kunst besteht darin, die Zeit mit Qualität zu füllen und nicht nur mit Aufgaben.

Ich habe mir vor kurzem einen Rasenmäher-Roboter als „Entlastung“ gekauft. Er mäht den Rasen und schenkt mir endlich Zeit – oder zumindest dachte ich das. Doch was habe ich in dieser freien Zeit getan? Statt sie bewusst zu genießen, füllte sich diese fast schon automatisch mit noch mehr „To-dos“ an. Warum passiert das? Vielleicht liegt es an unserer inneren Haltung, die nicht zulässt, dass freie Zeit einfach bleibt, was sie ist: Freiraum.

Zeit bewusst erleben

Präsenz: Im Moment zu sein, statt in Gedanken bei gestern oder morgen.
Die Wissenschaft zeigt, dass wir die Welt in einem Zeitfenster von ungefähr 3 Sekunden wahrnehmen. Dies nennen wir Gegenwart. Dies kann man sich wie ein Fotoalbum vorstellen: Jeder Moment, den wir wahrnehmen, ist wie eine einzelne Seite, die wir durchblättern. Was wir als Gegenwart erleben, ist also eine Abfolge dieser kurzen Sequenzen, die unser Gehirn zu einem flüssigen Film zusammensetzt. Alles andere ist schon Vergangenheit oder noch Zukunft. Der menschliche Hauptimpulsgeber für Zeit ist der Nucleus suprachiasmaticus, der im Gehirn zwischen unseren Augen liegt. Dieser ist lichtempfindlich und folgt somit nicht einer mechanischen Uhr, sondern einem Bio-Rhythmus, der uns in den Moment führt. Präsenz bedeutet, die individuelle Balance zwischen mechanischer Zeit und Bio-Zeit zu finden und sich bewusst im Hier und Jetzt zu verankern.

Prioritäten: Was ist dir wirklich wichtig? Nutze deine Zeit dafür.
Der Zeitforscher Jonas Geissler unterscheidet zwischen der maschinellen Zeit, die uns durch den Sekundenzeiger taktet, und der biologischen Zeit, die uns natürliche Rhythmen wie Tag und Nacht oder Ebbe und Flut vorgibt. Um mehr im Einklang mit der biologischen Zeit zu leben, können wir uns an den natürlichen Tages- und Nachtzyklen orientieren: Regelmäßige Schlafzeiten, kurze Pausen im Tageslicht und das Vermeiden von künstlichem Licht am Abend helfen, den Bio-Rhythmus zu unterstützen. Auch Aktivitäten wie ein Spaziergang in der Natur oder saisonale Essgewohnheiten können dazu beitragen, uns wieder stärker mit den natürlichen Rhythmen zu verbinden. Finden wir diesen natürlichen Rhythmus wieder, entdecken wir eine andere Qualität der Zeit.

Pausen: Pausen sind kein Luxus, sondern Notwendigkeit.
Pausen schaffen Raum, um durchzuatmen und neue Energie zu tanken. Hartmut Rosa spricht von der „Beschleunigungsgesellschaft„, in der mehr Dinge mehr Zeit fressen, statt uns welche zu schenken. Vereinfacht kann man sich dies so vorstellen, dass jedes neue „Ding“ auch seine Zeit fordert: Kauft man sich ein Stand-Up-Paddle-Board, dann möchte dies auch genutzt werden. Wenn wir uns in der freien Zeit mit Dingen geschäftigen, dann wird mehr Zeit auch durch die Dinge gebunden. Je mehr wir uns steigern, desto weniger Zeit bleibt für das Wesentliche.

Zeit und Werte

Eine gesunde Beziehung zur Zeit bedeutet auch, „Nein“ zu sagen, um „Ja“ zu dem zu sagen, was zählt. Laut Oliver Burkemann müssen wir akzeptieren, dass wir unsere Zeit nie perfekt managen werden. Das Wissen um unsere eigene Endlichkeit kann der Antrieb für ein erfülltes Leben sein. Es hat bei mir lange gedauert, bis mir die Tragweite dieser einfachen Erkenntnis klar wurde: Die Begrenztheit unserer Zeit in diesem Leben ist der Motor, der uns dazu anregen kann, die Dinge zu tun, die uns wirklich glücklich machen. Mit der Zeit wurde mir bewusst, wie wichtig es für mich ist, Zeit mit geliebten Menschen zu verbringen und endlich ein lang gehegtes Projekt in Angriff zu nehmen. Anstatt zu versuchen, die Zeit zu kontrollieren, wäge ich heute sehr genau ab, welche Dinge mir wichtig sind. Was daraus folgt ist, dass ich die Dinge aus Liebe zur eigentlichen Sache tue – nicht, weil ich muss, sondern weil ich es will.

Zeit ist Leben!

Zeit ist mehr als eine Ressource, sie ist unser Leben. Aber was tun wir mit der Zeit, die wir gewinnen? Vielleicht mal weniger tun. Vielleicht einfach mal sein. Wenn der Rasenmäher-Roboter den Rasen mäht, warum nicht auf der Terrasse sitzen, die Sonne genießen und einen Kaffee trinken? Zeit bewusst zu nutzen heißt nicht immer, mehr zu schaffen. Es kann auch heißen, weniger zu tun – und dabei mehr zu erleben. Freiraum: Die Zeit ist einen Raum, der sich mit Sinn füllen lässt, statt mit Aufgaben. Wie könntest du dir heute deine Zeit so gestalten, dass sie dir wirklich Freiraum gibt?


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